Die Henne mit dem gebrochenen Bein

Das ist die nächste Pariser Geschichte, die durch eine glückliche Wendung der Umstände mit Hähnen, Hennen und Chinesen zu tun hat

Nachdem ich schon spürbare Fortschritte im Erlernen des Französischen gemacht hatte und jetzt sprachlich etwas mehr als ein Alltagsgespräch hervorbringen konnte, stieg mein Appetit zum Leben enorm an. Seit acht Monaten hatte ich Französisch schon intensiv erlernt und wollte schnellstens auf die Rutsche des Amüsements und herab. Mein Blut siedelte wie dies eines jungen Hahns.
Unsere erste Wohnung war im Wohnbezirk Belleville. In jenen Jahren galt es als das Wohnviertel der neuen Franzosen wie ich. Dort fand man es eigentlich als gewöhnlich, sich mit Gesten und Mimik zu unterhalten. Später, wenn Milka Genadieva uns unterbrach, zogen wir zum 16. Bezirk um – da sprach man zwar ein ziemlich gepflegtes Französisch, war es aber qualvoll langweilig.

Ich war schon in die reguläre Schule eingeschrieben, wenn ich zu Belleville zurückkam. Ich wurde dort überall erkannt, und man begrüßte mich nickend. Die Leute, deren Aufmerksamkeit ich suchte, hatten inzwischen die Sprache auch erlernt, so ging die Unterhaltung flott. Gerade streckte ich meine Fresse aus einem der Ausgänge des Goncourt Bahnhofs heraus, so stand schon vor mir das lächelnde Gesicht von Yan Thao, ein super-netter junger Chinese. Kaum schlugen wir Hände, und er drückte mir irgendein Paper in die Hand, das er so zu küssen anfing, als wäre es ihm mindestens von Buddha selbst ausgehändigt. Er hatte seine Aufenthaltsgenehmigung zusammen mit Arbeitserlaubnis bekommen, aber unverblümt gesagt, war gar nicht davon überzeugt, dass sein eigenes Foto auf dem Papier war. Wir umarmten uns, schlugen mit Händen in der Luft voller Freude, dass wir uns wieder mal treffen, und danach schleppte mich Yan Thao zum Kaffee zum nächststehenden Imbiss ab, den sich seine Familie inzwischen aneignete. Sie sollten ihn aber vor Kurzem übernommen haben, da drin der Pariser Geist immer noch zu spüren war. Yan musste sich in die Hierarchie des Wohnviertels schon nach oben gesprungen haben, da ihm ständig Menschen über Sachen berichteten, die ich nicht verstand. Auf einmal schnitt er eine fröhliche Miene und nahm mich unter dem Arm.

– Komm, Mono, ich muss dir etwas zeigen.
Wir überquerten die Straße und traten in die Metzgerei hinüber, wo ich mich früher Fleisch besorgte. Wir öffneten die Hintertür zum Lagerkeller und sanken in einen langen, feuchten Korridor. Genau in diesem Augenblick verlor ich meine Verbindung zu Frankreich – ich war in China gelandet. Das Adrenalin in meinen Venen stieg rasend auf. Aus vielen Seiten bekam ich ständig Schulterklappen aus verschiedenen Händen. Alle meinen Körpermuskeln wurden angestrengt, und zum ersten Mal ergriff mich ein Gefühl wahr, welches mit völlig neu vorkam. Ich spürte, dass ich der Herr meines Lebens bin. Ich tauchte allmählich ins Unbekannte auf, und niemand machte sich den Finger krumm, mir zu erklären, was eigentlich los war. Die letzte Tür wurde geöffnet, und vor mir zeigte sich unverhohlt das Königreich des Hahnenkampfs.

Yan Than wurde mit dem sich dazugehörenden Respekt empfangen, und ich wurde behandelt, als wäre ich auch Chinese. Yan wendete sich an mich:

– Mono, die humpelnde Henne wird heute kämpfen, möchtest du auf sie wetten?

– Yan, mein Freund, wieso würden wir auf eine Henne im Kampf gegen einen Hahn wetten? Das
ist doch reiner Sex!
Yan lächelte und erwiderte:

– Du wirst nie wieder die Gelegenheit genießen, die so was anzusehen. Auch im milliardenfach bewohnten China gibt es ein solches Phänomen nicht. Die humpelnde Henne führt sich wie ein Hahn und siegt gnadenlos, wette auf sie, du wirst es nicht beteuern!
Uns wurde Platz an der Kante der improvisierten, mit Paletten umrahmten Arena gemacht. Und oh, Himmel! Gegen den wunderschönen Rassenhahn ließ man eine dicke, hässlichen Henne auftreten, auf deren Körper sich die vergangenen Kämpfe abzählen ließen wie die Medaillen eines russischen Marschalls. Yan zog einen dicken Geldhaufen heraus, und ich tat darauf meine einzigen 100 Franc.

Der Hahn sah stark konzentriert und irgendwie mit einer geilen, homoerotischen Ausstrahlung aus. Ihm stand eine Henne mit ihrer durcheinandergebrachten Sexualorientierung gegenüber, die ihre Siege vielleicht dem wahnsinnigen Schreck verdankte, der ihre Abwehrkräfte zusammenzuraffen verschaffte.

Der Hahn streckte seine kleinen Flügel leicht aus und griff mit blitzschnellen, präzisen Stößen die arme Henne an den Kopf an. Ihr formloser Körper rollte dann auf der improvisierten Bühne hin und her. Sie versuchte wie ein Schwergewichtsboxer aufzustehen und wie mit einer Kampftechnik aus dem Sumo seinen Gegner gegen den Rand zu verdrängen. Der Hahn attackierte sie von hinten, und mit einer ganzen Serie von Stößen schlug er ihren Bürzel blutig. Die Henne sackte auf ihr Hintern zusammen, als hätte sie gerade jetzt ein Ei gelegt. Und oh, weh! Sie legte in der Tat ein Ei. Yan Thao rief dem Schiedsrichter zu, es davon zu räumen. Die Henne wollte sich umdrehen, aber die Stöße waren tödlich.

Nach dem Kampfende sah ich mich plötzlich und natürlich auf der Straße in der Gesellschaft von etwa zehn Chinesen, die sich immer noch über den Kampf glühend unterhielten. In der gleichen Hand von Yan, mit der er früher den Geldhaufen hielt, hatte er jetzt das letzte Ei der Henne. Ich bezahlte 100 Franc, um mir den letzten Kampf der hüpfenden Henne anzusehen, und jetzt starb ich vor Hunger, der vom ausgeschütteten Adrenalin noch weiter angekurbelt wurde.

Yan legte die Hand auf meine Schulter und lud mich zum Mittagessen ein. Er bewirtete mich mit der köstlichsten Hühnersuppe. Danach stieg ich in die U-Bahn und ging zum 16. Bezirk nach Hause.