Wie erkennt man Außerirdische

Wie können wir einen Außerirdischen identifizieren? Eine Geschichte von Mono Petra über sein Treffen mit den grünen Männlein aus Niburu, dem mysteriösen neunten Planeten

Die riesige Flut von Menschen verschiedener Farben zu beobachten, wie sie im Wohnviertel Belleville in Paris umherliefen, ist ein kosmisches Erlebnis an und für sich. Vor meinen Augen balgten sich schwarze, weiße, gelbe und rote Außerirdische, die zum größten Teil ihrer Zeit damit beschäftigt waren, die notorischen Zeichen aus Phönizien[1] unter sich auszutauschen und sich gegenseitig dabei auszutricksen versuchten, als hätte es ihnen wirklich gelingen können, diesen ganzen Besitz an sich zu reißen und mit ihm dann ins unendlich weite Universum wegzufliegen.

Das All ist für unsere Raffgier leider zugeschlossen, und auf den Straßen wandern dabei die herrenlosen Hunde und Katzen, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, uns auszuspionieren und an jemanden über das am Tag Angehäufte zu berichten, der uns ständig im Visier hat und sich mit uns ziemlich amüsiert.

In solchen Gedanken vertieft, vertrieben die Zeit vor sich hin zwei Träumer, mein enger Freund Matthew und ich, während wir mit dem Rücken zur Bar am nächsten Bierbecher nippten und diesen Teil der kosmischen Arena studierten, der sich Paris nannte. Gerade waren wir dabei, diesem Thema einen Punkt zu setzen und uns den Lottozettel für die Fußballspiele zu widmen, als uns eine gelbe Dame mit aufgesetztem wunderschönem Hut, wo eine herrliche Fasanenfeder angesteckt war, annäherte. Ihre Hände steckten in weißen Spitzenhandschuhen, und an einem Handgelenk hielt sie eine lackierte Damentasche, eine Nachahmung von Krokodilleder, fest. Sie öffnete die Tasche vor uns und reichte uns Flyers über dem bevorstehenden Treffen mit dem Esoteriker Minassyan, der aus dem Berg Ararat hierher zu Besuch gekommen war, um an demselben Abend zum Thema „Der Planet Niburu und sein Erscheinen vor die Augen der Menschheit“ vorzutragen.

Eine Einladung dieser Art war ein guter Anlass für noch ein Bier und zahllose Kratzer an der Stirn, hinter der sich in jenen Jugendjahren eine endlose, wuchtige Energie verbarg. Schnell wurde es eindeutig klar, dass wir hingehen würden – mindestens nur deswegen, weil wir seit einer Weile nach den nirgendwo zu findenden grünen Männlein suchten, die jedermanns im Munde, aber von niemandem bis jetzt gesichtet waren. Wir tranken das Bier zu Ende, füllten unsere Lottozettel aus und machten uns an diesem späten Nachmittag auf dem Weg zum Treffen mit dem Esoteriker Minassyan.

Wir gerieten in eine Buchhandlung, die mir zwar bekannt war, aber nie ging ich hinein. Jedes Mal, wenn ich ihr vorbeiging, breitete sich dort ständig der Qualm brennender indischer Räucherstäbchen aus … bis heute noch ekelt mich dieser Mist an. Ich war jetzt bereit, mir dieser erstickenden Qual nur deswegen anzutun, wenn uns endlich mal gelinge, einen grünen Menschen zu entdecken, aber mir zum Staunen war die Luft drinnen die gleiche wie auf der Straße – Pariser Luft. Die Buchhandlung platzte schon voller Leuten, deshalb blieben wir an der Tür stehen, um von dort den Auftritt vom Esoteriker Minassyan abzuwarten.

Mit einer winzig-kleinen Verspätung trat vor uns ein vom Ohr zu Ohr lächelnder, etwa 60-jähriger Herr mit einer fleischigen Nase und mit Schnurrbart auf, der unverzüglich und zauberhaft auf Französisch mit armenischem Akzent über das Erscheinen von Niburu und den daraus folgenden geistigen Kataklysmus zu erzählen begann. Ich genoss eine gute Ausschau über den ganzen Saal und begann mit den Augen nach einem grünen Menschen zu suchen, dessen Neugier ihn vielleicht am Treffen mit dem armenischen Esoteriker herangezogen hätte.  Mein Herumschauen musste wohl schon auffällig geworden sein, weil der Vortragende seine Konzentration wegen des Vorhandenseins im Saal seines nach etwas anderem suchenden Blicks verlor. Allmählich wurde die daraus strömende Energie auch vom restlichen Teil des Publikums empfunden, weil sich die Anwesenden umzudrehen und wie in einem Bienenstock zu rauschen anfingen. Dieser Konzentrationsverlust ihrerseits half mir, sie noch detaillierter zu erforschen, als sie sich nach hinten umdrehten. Und ja! Oh, mein Gott! In der ersten Reihe, genau vor dem Esoteriker Minassyan erkannte ich nicht nur einen, sondern zwei von meinen Exemplaren sitzen. Sie hatten sich in der ersten Reihe so gut bequem gemacht, damit sie dem Vortrag besser nachfolgen konnten. Ich zeigte Matthew sie auf und stach meine Aufmerksamkeit in die fleischige Nase des Armeniers hinein, der Saal kam zur Ruhe, er trug weiter bis zum Ende vor, und danach bissen wir an hausgemachten Keksen, indem wir uns mit dem Lektor über die Geschmackscharakteristika vom georgischen Cognac unterhielten. Wir umarmten uns mehrmals zum Abschied, und wir machten uns auf den Weg, unsere Lottogewinne abzufragen. Matthew freute sich wie ein Kleinkind darüber, dass er sie erkannt hatte. Er sah wie ein Punk aus, dessen Musikband nicht aus diesem Planeten stammte.

– Hast du sie erkannt, Mono?

– Ja, hab‘ ich.

– Hast du bemerkt, wie schnell sie nach dem Vortragsende verschwanden?

– Nein, dies nicht, auf der Party mit den Keksen waren sie aber tatsächlich nicht dabei.

– Mono, die Grünen sind genauso neugierig wie wir.

– So ist es, mein Freund, die Neugier schlendert durch das Weltall.


[1] In Phönizien wurden die ersten Geldmünzen erfunden.